SPD und die Nikolausgeschichte

Veröffentlicht am 01.12.2021 in Aktuelles

Der Ausgangspunkt der Nikolausgeschichte – die nachfolgend kurz erzählt werden soll – ist der antike Ort Myra, heute die Stadt Demre in der Türkei, ca. 150 km vom touristischen Antalya entfernt. Myra gehörte früher zum Römischen und später zum Byzantinischen Reich, bis der Ort im 11. Jahrhundert von den Seldschuken erobert wurde. In Myra verteilte der Legende nach der Bischof Nikolaus im 4. Jahrhundert seinen geerbten Reichtum an Bedürftige. Nach seinem Tod wurden ihm neben diesen Wohltaten auch zahlreiche Wunder zugeschrieben. So soll er Kinder, Schiffsleute und Händler vor Unheil bewahrt haben. Laut einer Legende bewahrte er drei junge Mädchen vor der Prostitution, indem er ihnen nachts heimlich Geld in ihre Stiefel tat. Darauf geht der Brauch zurück, Kindern am Nikolaustag Süßigkeiten und kleine Geschenke in die Stiefel zu stecken. Bereits im 6. Jahrhundert wurde Bischof Nikolaus in der Ostkirche als Heiliger verehrt.

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Nicht ganz ohne Grund erheben manche Türken den Anspruch, dass der Weihnachtsmann in Wirklichkeit türkisch ist. Ja, der Weihnachtsmann, denn ursprünglich fand die so genannte Bescherung nicht an Weihnachten, sondern am 6. Dezember, dem Todestag des Heiligen Nikolaus von Myra statt, und nur die Kinder wurden beschenkt. Den Reformatoren der Kirche war die römisch-katholische Heiligenverehrung jedoch einigermaßen suspekt. Daher wurde die Legende – vermutlich auf Betreiben Martin Luthers – verändert und die Bescherung auf den Geburtstag von Jesus verlegt. Dementsprechend wurde Nikolaus als Gabenbringer durch den „Heiligen Christ“ ersetzt, heute unter der Bezeichnung „Christkind“ bekannt.

Die Geschichte um den Nikolaus geht noch etwas weiter, denn der Heilige Nikolaus von Myra hat es schließlich erst zu weltweitem Ruhm gebracht, nachdem zwei Kaufleute sein „Potenzial“ erkannten. Im Jahr 1087 stahlen sie aus Gründen, die man heute vielleicht Stadtmarketing nennen würde, einen Großteil seiner Gebeine aus dem Grab in Myra und brachten diese nach Bari im heutigen Italien. Dort wurde die Kirche von San Nicola erbaut, in der die Überreste des Nikolaus von Myra seither aufbewahrt werden. Für die Stadt Bari war dieser Diebstahl ein großes Glück, denn endlich hatte sie so wie Venedig, Florenz und andere Städte einen eigenen Schutzheiligen.

Nun konnte sich die Legende vom Nikolaus von Myra von Bari aus in ganz Europa und später bis in die Neue Welt verbreiten. Er wurde schließlich zu einem der wichtigsten Heiligen der christlichen Kirche. Er gilt seither nicht nur als Schutzpatron der Kinder, Händler und Seefahrer sondern auch ganzer Völker (Russen, Serben und Kroaten) und Regionen (Süditalien und Lothringen). Bis der Nikolaus für manche zum Weihnachtsmann wurde, bedurfte es jedoch noch das Zutun eines Deutschen – genauer gesagt eines Pfälzers, der zuvor nach Amerika ausgewandert war. Während des amerikanischen Bürgerkriegs, im Jahre 1863, zeichnete Thomas Nast, der bekannteste politische Karikaturist der USA im 19. Jahrhundert, erstmals „Santa Claus“ für das Wochenmagazin Harper's Weekly. Seine Zeichnungen legten quasi fest, wie der Nikolaus aussehen sollte. So gehen auch die Santa-Farben Weiß und Rot auf Nast zurück.

Aus der Bischofskutte und der Mitra wurde die eher winterliche Weihnachtsmannkluft: der rote mit weißem Fell besetzte Anzug und die Zipfelmütze. Der lange weiße Bart darf natürlich auch nicht fehlen. In Deutschland und in manchen anderen Ländern wird bis heute zwischen den beiden unterschieden. Der eine füllt am 6. Dezember die Stiefel der Kinder mit Süßigkeiten, und der andere legt am Heiligabend die Geschenke unter den Weihnachtsbaum.

Aus der – etwas gekürzten – Geschichte um den Nikolaus ist einiges zu lernen: Übermäßigen Reichtum an ärmere Bevölkerungsschichten abzugeben ist ein Beitrag zu mehr Gerechtigkeit. Weiterhin: Migration war schon immer ein zentrales Thema und verbindet eigentlich die Kulturen. Und schließlich lehrt es uns, dass Legenden verändert oder gar neu erschaffen werden können. Was man heute „fake News“ nennt, also die Leugnung von Fakten, ist bereits sehr lange ein Machtinstrument. Der kritische Blick auf das, „was schon immer so war“ lohnt sich folglich. Es lehrt, dass Veränderungen möglich sind und das Ideal der Humanität tiefe Wurzeln hat. Man liegt nicht falsch, wenn man sich darauf beruft. Daher hegen Sozialdemokraten gegenüber dem Nikolaus nicht nur des roten Mantels wegen Sympathie.

Für die SPD: Michael Mangold und Holger Schröder

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