Zu neuen Jahr

Veröffentlicht am 01.01.2013 in Allgemein

Eine wahre Geschichte aus Japan zum neuen Jahr
erzählt und aufgeschrieben für den SPD-Ortsverein und die Menschen in Mühlhausen von dem Franziskanerpater Manfred Friedrich OFM, der in Rumoi auf Hokkaido in Japan lebt und drei Krankenstationen in Bangladesch mit seinen kargen Mitteln unterstützt. (gz)

"Die Hoffnung nicht verlieren", ist sicher Eure Anweisung. Und so will ich es eben auf Weihnachten wieder probieren. Eigentlich ist ja das Weihnachtsfest ein Fest der Hoffnung und wir sollten es einfach wieder wagen, diese Hoffnung zu finden. Eine kleine Erfahrung vom letzten Jahr hat mir einen Weg Richtung Hoffnung gewiesen. Hachan war 15 Jahre alt, als sie letztes Jahr von Fukushima mit Vater und Mutter zu uns in die Kirche kam. Der 11. März 2011, der Tag des großen Erdbebens, der Tsunami und der explodierenden Atomkraftwerke, war der Tag ihrer Schulentlassung.
Weil der Vater sich zu dieser Feier frei nahm, konnte die Familie entkommen. Nach 2 Tagen im Auto und einigen Tagen im Shelter, kamen sie zu uns nach Hokkaido, der Heimat ihres Vaters. Die Arbeitsstätte ihres Vaters war das Atomkraftwerk, ihr Haus nur 3 Kilometer davon entfernt. Auf dem Fernseher nur Wüste und Hoffnunglosigkeit. Selbst die Turnhalle ihrer Schule, in der nun Leichen aufbewahrt wurden, wurde für sie zum Geisterhaus. Traumatisiert, depressiv, oder wie man das nennen mag, verlor sie scheinbar den Kontakt zur Wirklichkeit.
"Wie wäre es, wenn du in unseren Kindergarten gingest, die Kinder würden sich freuen, denn du bist dann die jüngste unter den Erzieherinnen." Sie ging, und nach einigen Tagen - die Kinder mit dem Glanz ihrer Augen und ihrem unkomplizierten Lächeln, mit ihren fast unbegrenzten, geheimen Möglichkeiten in die Zukunft, haben Hachan aus ihrem inneren Dunkel geführt und mit dem Licht neuer Hoffnung beschenkt.
Kinder sind Geschenke neuer Hoffnung. Ob Gott sich deshalb als Kind geschenkt hat, um jedes Kind und eigentlich jeden Menschen zu einem Zeichen der Hoffnung zu machen? Sind wir nicht füreinander verantwortlich, uns diese Zeichen zu schenken? Weihnachten ist ein Fest der Hoffnung und ich erwünsche und erbete sie - so gut ich kann - für Euch und alle Menschen.
Hachan hatte neue Hoffnung gefunden, aber nur für kurze Zeit. Ihr Vater wurde von seinem Chef nach Fukushima zurückgerufen. Trotz der Einsicht um die tödlichen Strahlen und der sorgenvollen Einsprüche der Familie begab er sich an seinen alten Arbeitsplatz zurueck. Angst, Sorge und das Wissen um ihre Hilflosigkeit ließen sie erneut in ein Loch der Traurigkeit fallen. AIs wir ihr dann sagten, dass auch Väter anderer Kinder aus dem Kindergarten an den Ort der Verwüstung abgeordnet seien, fragte sie ein solches Kind: „Bist du nicht traurig, wenn dein Vater dorthin gegangen ist?" Das Kind antwortete ihr: „Nein, überhaupt nicht. Mein Vater ist der Held meines Herzens. Er ging doch, um Menschen zu retten."
Hachan hatte eine solche Antwort nicht erwartet und fühlte sich beschämt vor einem Mädchen, das zehn Jahre jünger war als sie. Dennoch waren die Worte des Kindes Anlass, ihren Vater unter einem ganz anderen Licht zu sehen und die Situation sogar mit ein wenig freudigem Stolz anzunehmen. Offenbar hatte die Mutter ihrem Kind seinen Vater von seinen besten Seiten vorgestellt und so Gefühle der Traurigkeit und Einsamkeit überbrückt.
Wäre es für uns nicht auch eine Möglichkeit, an Weihnachten die Menschen um uns herum von den besten Seiten sehen zu wollen und anzuerkennen, dass ohne sie – und auch ohne uns - unsere Welt ärmer wäre? Jedenfalls will unser Gott, den wir Vater nennen, uns von den besten Seiten anerkennen und uns im Lichte der Weihnacht sagen: „Auch du bist in dieser Welt, damit sie ein bisschen heller werde.“ Wenn ich an die Geschichte von Hachan denke, bin ich dankbar, dass ich hier mit meinen 76 Jahren immer noch in 3 Kindergärten die Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen erzählen darf.

 

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